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Aufarbeitung Massaker 7. Oktober: Israels Armee räumt «völliges Versagen» ein

Der 7. Oktober 2023 ist für die Menschen in Israel ein schwarzer Tag. Es war auch ein schwarzer Tag für die israelische Armee. In dem nun vom Militär vorgelegten Untersuchungsbericht ist die Rede vom »völligen Versagen« im Zusammenhang mit dem terroristischen Hamas-Angriff. Der Armee sei es nicht gelungen, die Menschen in Israel zu schützen. Israels Armeechef Herzi Halevi übernimmt die volle Verantwortung für das Versagen der Streitkräfte. Für den Untersuchungsbericht wurden die Ergebnisse von 77 Untersuchungen zusammengetragen.

Susanne Brunner

Leiterin Auslandredaktion

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Susanne Brunner war für SRF zwischen 2018 und 2022 als Korrespondentin im Nahen Osten tätig. Sie wuchs in Kanada, Schottland, Deutschland und in der Schweiz auf. In Ottawa studierte sie Journalismus. Bei Radio SRF war sie zuerst Redaktorin und Moderatorin bei SRF 3. Dann ging sie als Korrespondentin nach San Francisco und war nach ihrer Rückkehr Korrespondentin in der Westschweiz. Sie moderierte auch das «Tagesgespräch» von Radio SRF 1. Seit September 2022 ist sie Leiterin der Auslandredaktion von Radio SRF.

Hier finden Sie weitere Artikel von Susanne Brunner und Informationen zu ihrer Person.

Was ist das Besondere an diesem Bericht über den Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023?

Besonders ist, dass die israelische Armee ihr eigenes Versagen untersucht hat und dass sie dies trotz Widerstand der Regierung getan hat – und obwohl sie sich an mehreren Fronten im Krieg befindet. Bemerkenswert ist auch, dass sie zugibt, dass sie auf der ganzen Linie versagt hat.

Wieso weigert sich Israels Premier Netanjahu, die Vorgänge untersuchen zu lassen?

Netanjahu sagt: Krieg sei keine Zeit, um eine Untersuchung durchzuführen und vertröstet auf die Zeit nach dem Krieg. Seine Kritiker monieren, als oberster Kapitän des Staates müsste er eigenes Versagen eingestehen und zurücktreten, wie das die oberste Armeeführung bereits getan hat. Netanjahu und seine Minister drehen den Spiess aber um und sagen sinngemäss, dass der Hamas dieser Angriff gar nicht gelungen wäre, wenn die Opposition nicht mit Protesten gegen die Regierung ein Chaos angerichtet hätte. Netanjahu und seine Minister geben allen die Schuld fürs Versagen: den Demonstrierenden, der Armee, dem Geheimdienst – nur sie selbst trifft in ihren Augen keine Schuld. 

Wie präsent war die Armee an den Tagen nach dem Massaker?

Am 8. und 9. Oktober, ein und zwei Tage nachdem der Hamas der Ausbruch aus dem Gazastreifen und der Angriff auf die Gemeinden im Süden des Landes gelungen war, traf ich auf leere Strassen und Autobahnen. Weit und breit keine Armeefahrzeuge und keine Polizei zu sehen, nur Eltern, die ihre Kinder suchten, und traumatisierte, geschockte Menschen an Tankstellen. Dazu kamen die Berichte über die Hamas, die weiter mordete oder sich Schlachten mit der Polizei und der Armee lieferte. Dieses Bild werde ich nie vergessen.

Wie kommt der Bericht in Israel heute an?

Es ist für die Bevölkerung von Israel erneut schockierend, wenn die Armee bestätigt, dass ein Kibbuz «einfach vergessen ging». Und auch, wenn bestätigt wird, dass die Soldaten erst ankamen, als der letzte Terrorist schon weg war, nachdem die Menschen dort stundenlang auf WhatsApp um Hilfe riefen und in dieser Zeit massakriert wurden. Der Bericht zeigt, wie schutzlos Israel in jenen Oktobertagen 2023 war, mit aller Hochtechnologie, mit der stärksten Armee in der Region, mit weltbekannten Geheimdiensten. Trotzdem versagte die Armee, und zwar nicht nur einige Stunden, sondern einige Tage lang. Das ist für Israeli weiterhin einfach unfassbar. Der Armeebericht macht das Unfassbare nicht fassbarer, er ist eher eine Dokumentation eines Versagens, das nicht erst an jenen Tagen begann.

Was sind die Konsequenzen?

Die Armee macht einige Vorschläge, welche eine bessere Bereitschaft in Zukunft sichern könnten: die Schaffung von Spezialeinheiten, die offen zuhören, hinterfragen und aus den Fehlern lernen. Aber der Armeebericht ist kein politischer Bericht. Um wirklich Konsequenzen ziehen zu können, braucht es eine unabhängige Untersuchungskommission – und den politischen Willen, diese auch einzusetzen.

Rendez-vous, 28.02.2025, 12:30 Uhr ; 

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