In Europa ist es derzeit nicht eben geschäftsfördernd, wenn man Donald Trump nahesteht. Das erfährt auch Elon Musk schmerzlich: Die Verkaufszahlen seiner Elektroautos sind massiv eingebrochen. Der Tesla-Stolz ist der Tesla-Scham gewichen.
Auch Trumps Schwiegersohn Jared Kushner weht eine steife Brise entgegen – und zwar aus dem Balkan. Grund dafür sind aber weniger seine familiären Verwicklungen. Vielmehr gibt sein fehlendes Gespür für die nationalen Befindlichkeiten in Serbien zu reden.
Vom Berater zum Baulöwen
Der Ehemann von Trumps Tochter Ivanka ist in den letzten Jahren aus dem Rampenlicht verschwunden. Während Trumps erster Amtszeit galt Kushner phasenweise als Einflüsterer des Präsidenten und trieb die Aussöhnung zwischen Israel und den Golfstaaten voran.
Inzwischen ist Kushner wieder hauptberuflich als Immobilienentwickler tätig. Seit einiger Zeit zeigt er auch Interesse an Investitionen auf dem Balkan.
Stich ins Wespennest
Bei einem Bauprojekt in Belgrad liess er nun jedes diplomatische Geschick vermissen: Denn der Ort, an dem ein Luxushotel mit angeschlossenen Wohnungen entstehen soll, ist tief in die Geschichte Serbiens eingegraben.
Für das Bauprojekt soll das 1999 von der Nato zerbombte Hauptquartier der jugoslawischen Armee abgerissen werden. Gegen die Pläne protestierten am Montag tausende Menschen in Belgrad. Zu der Kundgebung kam es am 26. Jahrestag des Beginns der Nato-Bombardierung der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien.
Für viele Serbinnen und Serben hat die Gebäuderuine historischen Wert. Sie erinnert sie an die für viele Menschen traumatischen Ereignisse, bei denen fehlgeleitete Luftangriffe auch serbische Zivilisten töteten.
Dass der Erinnerungsort in einen kommerziellen Komplex verwandelt werden soll, empfinden viele Leute als geschmacklos.
Die Gebäuderuine hatte bis November 2024 den offiziellen Status eines Baudenkmals. Dieser wurde ihr von der von Staatspräsident Aleksandar Vucic kontrollierten Regierung entzogen, um Kushners Bauprojekt zu ermöglichen. Dagegen klagten Vertreter der Demonstranten beim Verfassungsgericht, das in dieser Sache noch nicht entschieden hat.
«Dass der Erinnerungsort in einen kommerziellen Komplex verwandelt werden soll, empfinden viele Leute als geschmacklos», berichtet die freie Journalistin Adelheid Wölfl. Die Wut der Menschen richtet sich nicht nur gegen Kushner, sondern vor allem auch gegen den eigenen Präsidenten.
Der Zorn über das Bauprojekt fügt sich ein in die Massenproteste gegen die Regierung und das «System Vucic». «Die Menschen in Serbien müssen einmal mehr erkennen, dass sich das Recht nicht durchsetzt und es keine Gewaltenteilung gibt», schliesst Wölfl. So verfestige sich der Eindruck, dass die Regierung tun und lassen könne, was sie wolle.
Seit dem Einsturz eines Vordachs an einem Bahnhof in Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen, kommt es in Serbien fast täglich zu Kundgebungen. Mitte März kam es in Belgrad zur grössten Demonstration in der Geschichte des Landes.
Die Protestbewegung macht den Staat für das Unglück verantwortlich und fordert die Veröffentlichung aller Dokumente zur Renovierung des Bahnhofsdachs und die Bestrafung der Verantwortlichen. Zudem prangert sie Korruption und Vetternwirtschaft in der Regierung und im gesamten Staatsapparat an.