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US-Unterstützung der Ukraine «Die geheimdienstliche Zusammenarbeit war sehr erfolgreich»

«Die geheime Geschichte des Krieges in der Ukraine», so heisst eine neue, grosse Recherche der «New York Times». Konkret geht es um die Militärpartnerschaft zwischen den USA und der Ukraine. Marcel Berni ist Dozent für strategische Studien an der Militärakademie der ETH Zürich. Er hat den Bericht analysiert.

Marcel Berni

Militärexperte

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Marcel Berni forscht und lehrt seit 2014 als wissenschaftlicher Assistent an der Schweizerischen Militärakademie der ETH Zürich. 2019 promovierte er mit einer Arbeit über kommunistische Gefangene im Vietnamkrieg an der Universität Hamburg. Seit 2022 vertritt er die Dozentur Strategische Studien in Forschung und Lehre an der ETH Zürich.

SRF News: Was haben Sie aus dem Artikel der «New York Times» erfahren?

Marcel Berni: Wir haben erfahren, dass die amerikanische Partnerschaft mit der Ukraine sehr weit geht, insbesondere im geheimdienstlichen Bereich. Wir wussten zwar, dass die Ukraine materiell von den Amerikanern sehr stark ausgerüstet wurde. Wir wussten auch, dass diese Waffensysteme sehr erfolgreich durch die ukrainischen Streitkräfte eingesetzt worden sind. Die geheimdienstliche Zusammenarbeit der beiden Staaten war sehr erfolgreich. Dies, weil nicht nur die Hardware, also nicht nur die materiellen Waffensysteme, geliefert wurde, sondern häufig auch die dazugehörige Software.

Das Vertrauen führt dazu, dass die Ukrainer im erfolgreichen Fall eine Art Zeitvorsprung haben.

Was bedeutet es für eine Armee, wenn sie mit fremden Waffen kämpfen und sich auf fremde Informationen verlassen muss?

Die Kommandoketten müssen sehr kurz sein. Informationen können nicht immer geprüft werden, sondern man muss sich auf die amerikanischen Daten blindlings verlassen. Genau diese Koordination hat auch Probleme bereitet. Im Text wird ein Beispiel dargelegt, in dem ein ukrainischer Kommandant die amerikanischen Informationen immer mit eigenen Drohnen überprüfen wollte. Aus diesem Grund hat seine Truppe wertvolle Zeit verloren. Deshalb war Vertrauen ganz wichtig, und es führt dazu, dass die Ukrainer im erfolgreichen Fall eine Art Zeitvorsprung haben, dass sie die Informationen also so schnell wie möglich in Präzisionsschläge an der Front umsetzen können. Dies führt zu einer massiven Effizienzsteigerung der ukrainischen Streitkräfte.

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Legende: Nicht nur für die Ukraine, auch für die USA war die Zusammenarbeit auf dem Schlachtfeld wichtig. Keystone/Ukrainian Presidential Press-Service

Was nützt dies alles der Ukraine, falls sich die USA jetzt als Partner zurückziehen sollten?

Einerseits gelang es der Ukraine, den Aggressor an seiner Expansion zu hindern, bis heute eigentlich. Die «New York Times» spricht von 700'000 russischen Toten und Verwundeten. Andererseits gab es der Ukraine auch die Möglichkeit, mit westlichem Material umzugehen. Die Zusammenarbeit war moralisch und materiell wichtig, aber sie war auch ein Zeichen für Europa. Ich glaube, das ist der wahre strategische Gewinn für die Ukraine. Auch wenn Trump nun droht, mit der Hilfe Schluss zu machen. Die Europäer machen weiterhin Anstalten, die Ukraine so stark wie möglich zu unterstützen, auch wenn sie niemals in die militärische Bresche der Amerikaner springen könnten.

Wir kennen jetzt mehr Details zur ukrainisch-amerikanischen Kooperation, aber diese könnten nun von Trump oder den Russen instrumentalisiert werden.

Die «New York Times» zitiert in dem Artikel einen hohen US-General, der sich bei seinem ukrainischen Gegenpart dafür bedankt, dass die Ukraine die Waffensysteme der USA im Ernstfall testet. Wie wichtig ist diese Partnerschaft für die USA?

Diese Partnerschaft gab den USA eine Möglichkeit, zu überprüfen, ob die Präzision und auch die Bedienung der eigenen Waffen in einem zwischenstaatlichen Krieg funktionieren. Deshalb ist auch die Publikation dieser Recherche ein zweischneidiges Schwert. Wir kennen jetzt mehr Details zur ukrainisch-amerikanischen Kooperation, aber diese könnten nun von Trump oder den Russen instrumentalisiert werden, um zu zeigen, dass Washington viel zu stark in diesem Krieg drin ist. Schlimmstenfalls zeigt man damit auf, dass es sich um eine Art Stellvertreterkrieg handelt, der den amerikanischen Interessen unter Trump schadet.

Das Gespräch führte Amir Ali.
                
                

SRF 4 News, 04.04.2025, 06:46 Uhr ; 

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