Die Sonne brennt über Ugandas Hauptstadt Kampala. Auf einer Parkbank im Stadtzentrum sitzt Flavia Kyomukama, zierlich, in ein grau-schwarzes Kleid gehüllt. Ihr Gesicht ist leicht verschwitzt. Sie hat diesen Ort für das Treffen gewählt – nicht aus Vorliebe, sondern aus Not. Ihr Büro darf sie derzeit nicht betreten.
Kyomukama leitet eigentlich Ugandas nationale Dachorganisation für Menschen mit HIV (NAFOPHANU). Doch am Morgen des 27. Januars – einem Montag, den sie nie vergessen wird – erhielt sie eine E-Mail von ihren Vorgesetzten. Die Nachricht war kurz und verheerend. Washington hatte Hilfsgelder eingefroren. Damit standen auch Ugandas HIV-Programme still. Zwei Sätze stellten ihr Leben auf den Kopf: «Stoppt alle Arbeiten. Sofort.»
Was folgte, war ein Dominoeffekt des Stillstands. Klinikbudgets wurden eingefroren, Mitarbeiter entlassen, lebenswichtige Medikamente unerreichbar. Auch ihr eigenes Gehalt blieb aus. «Es war ein Schock», sagt sie leise. Familien, die man über Jahrzehnte begleitet hat, stehen plötzlich mit leeren Händen da. Babys, die dringend behandelt werden müssen, erhalten keine Medikamente mehr. Ein einziger politischer Beschluss – und für Tausende steht das Leben still.
US-Finanzierung bleibt aus
Seit 22 Jahren ist der «President’s Emergency Plan for AIDS Relief» (PEPFAR) das Rückgrat der HIV-Bekämpfung in Uganda. Das US-Hilfsprogramm wurde 2003 unter Präsident George W. Bush ins Leben gerufen und hat seither vor Ort über fünf Milliarden US-Dollar in die Prävention, Behandlung und Versorgung von HIV-Infizierten investiert. Die Finanzierung erfolgt über mehrere US-Behörden, allen voran die USAID. Ein Grossteil der Mittel ging an lokale und internationale Organisationen, die HIV-Programme umsetzen – darunter Kliniken, Testzentren und Aufklärungsprojekte.
Mit diesen Geldern konnte Uganda ein landesweites Netzwerk aus Gesundheitszentren, Datensystemen und Community-Health-Workern aufbauen, die Betroffene betreuen. Der Erfolg war messbar: Die Zahl der jährlichen Neuinfektionen sank von fast 100'000 im Jahr 2003 auf 38'000 im Jahr 2024, während die Zahl der AIDS-bedingten Todesfälle von 53'000 (2010) auf unter 20'000 im letzten Jahr zurückging.
Im Januar ordnete US-Präsident Donald Trump völlig unerwartet einen sofortigen Stopp aller US-Auslandshilfen an. Diese Anweisung bedeutete auch, dass sämtliche PEPFAR-Finanzierungen – unabhängig von ihrem Zweck – eingefroren wurden. In Uganda, wo nahezu jede HIV-Behandlungs- und Präventionsmassnahme von den USA finanziert wird, hatte das dramatische Folgen.
Neben Panik wächst Stigma
Während viele HIV-Aussenkliniken geschlossen sind, bleibt das Mukono General Hospital ein Zufluchtsort für Patientinnen und Patienten. Die Abteilung, die Menschen mit HIV hilft, das Virus unter Kontrolle zu halten, platzt an diesem Morgen aus allen Nähten. Vor dem kleinen Schalter drängen sich Menschen, manche mit müden Gesichtern, andere nervös auf ihren Füssen wippend. In den überfüllten Gängen sitzen Männer und Frauen auf Plastikstühlen, während ein Ventilator träge die heisse Luft verteilt. Das Spital, direkt an einer der verkehrsreichsten Strassen Kampalas gelegen, konnte dank staatlicher Teilfinanzierung offen bleiben – doch der Finanzierungsstopp ist spürbar.
«Wir versuchen, die HIV-Patienten zu beruhigen und ihnen zu erklären, dass noch Medikamente da sind», sagt Sarah Komugisha, Sozialarbeiterin des Spitals. «Aber wir wissen nicht, wie lange das noch so bleibt.»
Komugisha kennt die Angst der Patienten nur zu gut – sie ist selbst HIV-positiv. Und auch sie steht plötzlich ohne Einkommen da, seit ihr Programm, finanziert mit US-Geldern, gestoppt wurde. «Ich habe Angst, was passiert, wenn die Medikamente wirklich ausgehen», gesteht sie. «Ich kann nicht ohne sie leben. Und jetzt, ohne Lohn, könnte ich sie mir auch nicht mehr kaufen.» Früher, erinnert sie sich, war das Überleben ungewiss. Medikamente gab es nur auf dem Schwarzmarkt – teuer, schwer zu beschaffen. Heute sind sie günstig. Oder waren es zumindest. Bis zum Finanzierungsstopp.
Zusätzlich hätten Unsicherheit und Angst, die durch soziale Medien geschürt wird, in der Region dramatische Auswirkungen. Täglich erhält Sarah Komugisha Anrufe von Patienten, die fragen, ob es wirklich keine Medikamente mehr gibt. Manche kommen mit Bluthochdruck in die Klinik – nicht wegen einer körperlichen Erkrankung, sondern aus purer Angst. «Auf Social Media heisst es, wir werden alle sterben. Aber das stimmt nicht – noch haben wir Medikamente», betont sie.
Neben der Panik in der Bevölkerung wächst auch das soziale Stigma. «Ich habe einmal jemandem die Hand gereicht, und die Person sagte: 'Nicht anfassen, du wirst mich mit AIDS infizieren'», erzählt Komugisha. Solche Erlebnisse setzen ihr zu. «Was passiert, wenn wir durch den Medikamentenmangel krank aussehen? Dann werden die Leute wieder mit dem Finger auf uns zeigen.» Besonders betroffen sind serodiskordante Paare – wenn ein Partner HIV-positiv ist und der andere negativ. Normalerweise würde das Medikament PrEP helfen, eine Infektion zu verhindern, doch dieses ist eines der ersten, das gestrichen wurde.
Was sollen wir tun? Werden wir sterben wie Hunde?
Vor der Klinik steht ein solches junges, serodiskordantes Paar. Sie haben sich vor einer Woche in seinem Coiffeursalon kennengelernt. Er ist HIV-positiv, sie negativ. Sie wollten sich gerade mit den PrEP-Medikamenten vorsorgen, um eine Ansteckung zu verhindern. Doch neue Patienten können aufgrund des Finanzstopps auch im Mukono General Hospital keine mehr aufgenommen werden. Der Mann blickt Sozialarbeiterin Sarah Komugisha hilfesuchend an. «Was sollen wir tun?», fragt er. «Werden wir sterben wie Hunde?»
Vor der Klinik steht das Pärchen weiterhin mutig zusammen, doch die Zukunft ist ungewiss. Sie will vorerst bei ihrem neuen Freund bleiben, auch wenn sie Angst vor einer Ansteckung hat. «Das ist mein Mensch. Ich liebe ihn.» Die Klinik sagte ihnen, sie sollen es in drei Wochen nochmals versuchen. Wenn es dann immer noch keine Medikamente gibt, weiss sie nicht, ob sie bei ihm bleiben kann.
Über Nacht alles weg
Hinter einem grossen Schreibtisch, eingerahmt von der ugandischen Flagge und einem Porträt des ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni, sitzt Dr. Nelson Musoba. Er ist der Generaldirektor der staatlichen Uganda AIDS Commission. «Die Exekutivanordnung hat Panik ausgelöst», sagt er. Patienten hätten versucht, sich grössere Vorräte an Medikamenten zu besorgen, aus Angst, dass die Versorgung unterbrochen wird. Das habe zu künstlichen Engpässen geführt.
Doch zum Teil habe sich diese Entwicklung abgezeichnet. «Wir wussten, dass externe Gelder irgendwann zurückgehen würden», sagt er. «Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt. Aber doch nicht so plötzlich. Jetzt müssen wir von einem Tag auf den anderen umstellen und die Lücke schliessen.» Seine Behörde arbeitet nun an einem Plan, um den Übergang zu einer stärkeren Eigenfinanzierung zu bewältigen. Auch die ugandische Regierung hat versprochen, mehr Mittel bereitzustellen.
Doch Experten zweifeln, ob das reicht – besonders für marginalisierte Gruppen wie LGBTQ+-Personen und Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen. In Uganda werden diese Gruppen nicht nur stigmatisiert, sondern systematisch verfolgt. Ein kürzlich verabschiedetes Gesetz sieht sogar die Todesstrafe für bestimmte homosexuelle Handlungen vor.
Für Flavia Kyomukama von Ugandas nationaler Dachorganisation für Menschen mit HIV (NAFOPHANU) auf der Parkbank ist klar: Ohne Organisationen, die mit US-Geldern finanziert wurden, fehlt diesen Gruppen ein sicherer Zugang zu HIV-Prävention und Behandlung. Dabei hatten gerade diese Programme geholfen, HIV-Neuinfektionen in diesen Gruppen zu reduzieren. «Die Ansteckungsrate könnte nun markant steigen», sagt Kyomukama.
Keine Orientierung
Mittlerweile hat die US-Regierung einige HIV-Programme vom Finanzierungsstopp ausgenommen, und ein US-Gericht hat die Exekutivanordnung blockiert, die die USAID-unterstützten Gesundheitsprogramme in Uganda stoppte. Das Gericht begründete seine Entscheidung damit, dass die Massnahme unverhältnismässig sei und Menschenleben gefährde. Doch in Uganda herrscht weiterhin Chaos: Die Gelder sind bisher kaum irgendwo zurückgekehrt, und die meisten Einrichtungen warten noch auf klare Anweisungen, ob sie ihre Arbeit tatsächlich wieder aufnehmen dürfen.
Nach dem Chaos des letzten Monats glauben auch nur wenige ugandische Patienten und Gesundheitsarbeiter, dass die Programme in ihrer ursprünglichen Form zurückkehren werden. Selbst wenn zukünftig wieder alle Gelder fliessen würden – die Auswirkungen sind irreversibel. Wer sich in den letzten Wochen infiziert hat und keine Behandlung erhielt, wird die Folgen sein Leben lang spüren.