16'000 Fussgängerinnen und Fussgänger überqueren jeden Tag die Bahnhofstrasse in Aarau. 13'500 Autos fahren hier jeden Tag durch. Dazu kommen Dutzende Linienbusse und Velos. Die Hauptverkehrsachse durch Aarau ist ein Politikum, das niemanden kalt lässt.
Denn seit zwei Jahren gilt auf dieser Kantonsstrasse als Versuch Tempo 30. Nun führt der Kanton dieses Verkehrsregime definitiv ein. Tempo 30 auf einer Kantonsstrasse ist im Aargau ein Tabubruch. Denn sonst gilt im bürgerlich dominierten Kanton überall Tempo 50 innerorts auf Kantonsstrassen. Noch.
Kanton und Stadt betonen Vorteile
Die Vorzüge von Tempo 30 seien eindeutig, sagt Daniel Schwerzmann, Leiter Verkehrsmanagement beim Kanton Aargau: «Die Fussgänger können die Strasse überall queren, die Busse halten den Fahrplan besser ein und die Fahrzeit für Autos ist leicht kürzer.» Dafür sorgt nicht alleine die Reduktion der Geschwindigkeit, sondern ein Strauss von Begleitmassnahmen.
Tempo 30 auf der Aarauer Bahnhofstrasse
-
Bild 1 von 4. In der Mitte der Bahnhofstrasse befindet sich ein breiter Mehrzweckstreifen. Dieser erleichtert den Fussgängerinnen das Überqueren der Strasse. Bildquelle: SRF/Andreas Brandt.
-
Bild 2 von 4. Die Ampeln entlang der Bahnhofstrasse wurden alle ausser Betrieb genommen. Autofahrer, Velofahrerinnen und Fussgänger sollen ohne Lichtsignale miteinander klar kommen. Bildquelle: SRF/Andreas Brandt.
-
Bild 3 von 4. Die Busse halten auf der Strasse und nicht wie vorher in Haltebuchten. So wird das Einfädeln in den Verkehr erleichtert. Bildquelle: SRF/Andreas Brandt.
-
Bild 4 von 4. Es gibt auf der Strasse keinen Velostreifen mehr. Die Velos müssen sich ebenfalls hinter Autos und Bussen in den Verkehr einfügen. Bildquelle: SRF/Andreas Brandt.
Bis vor zwei Jahren galt auf der rund 400 Meter langen Bahnhofstrasse Tempo 50. Die Fussgängerinnen und Fussgänger mussten an einzelnen Zebrastreifen und Ampeln warten, bis sie die Strasse überqueren konnten.
Dass sie jetzt überall über die Strasse huschen können, funktioniere gut, sagt Aaraus Vizepräsident Werner Schib: «Fussgänger und Autofahrer müssen sich anschauen. Man kann nur die Strasse überqueren, wenn es der Autofahrer zulässt, denn Fussgänger haben keinen Vortritt.»
Einige Fussgängerinnen und Fussgänger in Aarau befürworten die definitive Einführung des Verkehrsregimes. «Tempo 30 in der Stadt ist immer gut, es gibt mehr Sicherheit», sagt ein Mann. Doch es gibt auch kritische Stimmen: «Die Ampeln und Signale sind weg, jetzt hühnern die Fussgänger einfach über die Strasse ohne auf die Autos zu schauen», sagt etwa ein Passant. Eine Fussgängerin pflichtet ihm bei: «Es ist zu stark ein Stop-and-Go für die Autos.»
Kritik und die Angst vor dem Dammbruch
Auch in der Stadtpolitik sind nicht alle begeistert. FDP-Einwohnerrat Christian Oehler findet es nicht sinnvoll, dass Tempo 30 nur auf der Bahnhofstrasse eingeführt wird, auf anderen Kantonsstrassen in Aarau dagegen nicht. Denn so würde der Verkehr einfach auf andere Strassen ausweichen. «Es ist für mich eine isolierte Massnahme, bei der ich den Mehrwert nicht sehe.»
Tempo 30 auf der Aarauer Bahnhofstrasse beschäftigt auch die Kantonspolitik. Denn bisher galt der Grundsatz, dass auf allen Kantonsstrassen im Aargau innerorts Tempo 50 gilt – mit Ausnahme eines kurzen, sehr engen Strassenstücks im kleinen Dorf Olsberg.
Bürgerliche Politikerinnen und Politiker befürchten, dass das Beispiel der Bahnhofstrasse andernorts im Aargau Schule machen könnte. Die SVP-Fraktion im Kantonsparlament verlangte in einem Vorstoss gar, dass der Kanton generell auf Tempo 30 auf Kantonsstrassen verzichten müsse.
Hier in Aarau ist Tempo 30 zwingend.
Dass die Bahnhofstrasse ein Modell für andere Orte sein könnte, kann der kantonale Verkehrsmanager Daniel Schwerzmann nicht ausschliessen. Er betont aber: «Das Projekt in Aarau ist nicht wegweisend, man muss das situativ anschauen.»
In Aarau brauche es die Temporeduktion aber: «Hier ist Tempo 30 zwingend, sonst funktioniert das Queren der Strasse für die Fussgänger nicht.» Und der Kantonsvertreter betont ebenso, dass sich verschiedene Aargauer Gemeinden Tempo 30 auf ihren Kantonsstrassen wünschen würden.