Auf dem Pult von Lukas Baumgartner bleibt viel Arbeit liegen. Der stellvertretende Leiter der Baselbieter Jugendanwaltschaft ist derzeit nämlich mit besonders vielen Jugendlichen beschäftigt, die in Haft genommen werden.
«Diese Woche waren es acht oder neun», sagt er beim Gespräch Anfang März. «Das sind so viele wie früher in einem ganzen Jahr.» Die Jugendlichen hätten Autos aufgebrochen oder seien in Wohnungen eingebrochen.
Die Täter seien unbegleitete minderjährige Asylsuchende, sogenannte UMA. Es handelt sich also um junge Menschen, die ohne ihre Eltern auf der Flucht sind. «Viele kommen aus Algerien und Marokko», so Baumgartner.
Manche dieser UMA seien schon seit Jahren auf der Flucht. Sie hätten teils mehrere Papiere mit verschiedenen Identitäten. Wie alt die betreffenden Personen tatsächlich sind, sei deshalb oft nicht klar.
Das sind Erlebnisse, die den Charakter dieser Menschen prägen.
Hinter den Menschen und ihren Delikten stünden oft dramatische Geschichten, erzählt der Jugendanwalt. Solche von Halbwaisen beispielsweise, die nach Europa kämen, um Geld zu verdienen. Sie müssten damit ihre Familie im Heimatland ernähren.
Auf der Flucht seien die Jugendlichen oft «schwersten Misshandlungen» ausgesetzt. Viele seien Opfer von Sexualstraftaten.
«Wir hören auch Geschichten über den Kampf um eine Schwimmweste, bevor sie auf ein Fluchtboot steigen», erzählt Baumgartner. «Das sind Erlebnisse, die den Charakter dieser Menschen prägen.»
UMA leben nicht mit Familien
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Bild 1 von 4. In Basel-Stadt sind unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA), die ohne ihre Eltern auf der Flucht sind, in einem speziellen Gebäude neben demjenigen für Erwachsene untergebracht. Bildquelle: Keystone/Urs Flüeler.
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Bild 2 von 4. Die UMA leben in einer alten Villa neben dem Gebäude für Erwachsene und Familien. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Villa sind auch das Bürogebäude und das Ausschaffungsgefängnis. Bildquelle: Keystone/Urs Flüeler.
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Bild 3 von 4. Unbegleitete und begleitete Jugendliche auf der Flucht gehen im Bundesasylzentrum in die Schule. Bildquelle: Keystone/Georgios Kefalas.
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Bild 4 von 4. Zur Schule gehen die Kinder, die mit den Eltern flüchteten, und die Jugendlichen, die alleine unterwegs sind. Bildquelle: Keystone/Georgios Kefalas.
Ihre traumatischen Erlebnisse versuchten viele dieser jungen Männer und Buben zu vergessen – mit Medikamenten und Drogen. Viele nähmen Beruhigungsmittel zu sich, zum Teil in Kombination mit einem Antiepileptikum oder Cannabis.
Auf Entzug im Gefängnis
Die Delikte von UMA seien oft Beschaffungskriminalität, sagt Baumgartner. Dafür müssten sie bestraft werden, bis hin zu Freiheitsstrafen. Das sei für die Betroffenen nicht nur schlecht, glaubt er. Im Gefängnis bekämen sie keine Drogen, seien also auf Entzug: «Haft kann für sie auch eine Art Neustart sein.»
Baumgartner legt Wert auf die Anmerkung, dass die meisten UMA nicht straffällig werden, auch nicht in Baselland. Warum er derzeit besonders viel mit Delikten zu tun hat, die von UMA begangen wurden, weiss er nicht.
Leben im Bunker
Ideen hat Lukas Baumgartner dennoch. Beispielsweise wünscht er sich, dass schneller abgeklärt wird, ob es sich bei den Delinquenten tatsächlich um Minderjährige handelt. Möglicherweise würde seine Behörde so entlastet.
Die Unterbringung dieser Menschen und auch deren Perspektiven sind Themen, die man anschauen muss.
Schnellverfahren, wie sie Bundesrat Beat Jans angekündigt hat, seien keine Lösung: Viele der Jugendlichen, mit denen er zu tun habe, wüssten sowieso, dass sie kaum Chancen auf Asyl hätten.
Handlungsbedarf sieht er aber bei der Unterbringung. So seien die Asylsuchenden beispielsweise in Aesch (BL) in einem Bunker unter der Erde untergebracht.
Wer bis dahin keine Medikamente nehme und nie gestohlen habe, könne unter solch schlechten Lebensumständen schnell zu einem Delinquenten werden, ist Baumgartner überzeugt: «Die Unterbringung dieser Menschen und auch deren Perspektiven sind Themen, die man anschauen muss.»