Forschende der Universität Bern haben eine neue mögliche Schwachstelle des Coronavirus entdeckt. Sie haben ein Virusprotein genauer untersucht. Dieses habe für das Virus eine zentrale Funktion, sagen die Forschenden. Es sorgt dafür, dass sich das Virus extra gut vermehren kann.
Diese neuen Erkenntnisse könnten zu Medikamenten gegen Coronaviren führen. SRF-Wissenschaftsredaktorin Katrin Zöfel erläutert, was genau entdeckt wurde.
Was genau haben die Forschenden der Uni Bern entdeckt?
Es geht um das Virusprotein NSP1, das Forschende der Universität Bern schon länger untersuchen. Es hat für das Virus eine Schlüsselfunktion: Es sorgt dafür, dass eine Zelle in unserem Körper, die das Virus infiziert, sich ganz in den Dienst des Virus stellt – also quasi gehackt wird. Dieses NSP1-Protein wirkt wie ein zentraler Schalter, der dafür sorgt, dass die infizierte Zelle ihre ganze Kraft dafür aufwendet, Viren zu produzieren. Frühere Studien zeigten bereits die zentrale Funktion des Proteins. Die Forschenden der Uni Bern untersuchten nun diesen Mechanismus genauer.
Was macht diese Entdeckung so wichtig?
Viren unterscheiden sich stark voneinander, Grippeviren sind ganz anders als Coronaviren zum Beispiel. Um passende Medikamente zu finden, muss man die Biologie der Viren verstehen. Hier ist noch viel zu tun. Deshalb ist es so erfreulich, wenn man Grundlegendes wie dieses NSP1 jetzt besser versteht. Es wirkt in der Zelle auf zwei unterschiedliche Arten: Einerseits hindert es die infizierte Zelle daran, eigene Proteine zu produzieren, indem es an die Proteinproduktionsmaschinerie der Zelle andockt und sie blockiert. Andererseits zerstört es gezielt zelleigene mRNA, die die Baupläne für lebenswichtige Proteine enthält. Die zweite Funktion – die Zerstörung der mRNA – kommt nicht bei allen Coronaviren vor, die erste aber schon, das ist die neue Erkenntnis. Die könnte dabei helfen, ein Medikament zu finden, das nicht nur gegen ein Coronavirus wirkt, sondern gegen alle Coronaviren.
Wo soll die Entwicklung von Medikamenten gegen Coronaviren ansetzen?
Man kann bestehende, schon zugelassene Medikamente durchtesten. Das wäre der schnellste Weg, wenn sich da etwas findet. Dann kann man Wirkstoffe durchtesten, die es schon gibt, die aber noch nicht als Medikamente verwendet werden. Und wenn all das nicht klappt, kann man ganz neue Wirkstoffe entwerfen, die genau auf dieses NSP1 passen.
Die Pandemie ist vorbei: Lohnt es sich für die Pharmaindustrie wirtschaftlich, überhaupt noch neue Medikamente gegen Viren zu entwickeln?
Grundsätzlich sind antivirale Medikamente schwierig und teuer in der Entwicklung. Die Chance, dass ein Pharmaunternehmen viel Geld investiert und am Ende nichts dabei herausspringt, ist relativ hoch. Und es hängt von den Umständen ab, ob sich ein antivirales Medikament lohnt. HIV-Medikamente müssen ein Leben lang genommen werden, das lohnt sich aus Firmensicht eher. Antivirale Medikamente, die man nur im Akutfall braucht, müssen in jedem Fall noch besser werden, damit sie sich gut verkaufen. Das zeigte sich unter anderem beim Grippemedikament Tamiflu, das hat in der Wirkung derart enttäuscht, dass es sich nicht gut verkauft hat. Es wird spannend zu sehen sein, ob die Projekte, die während der Pandemie angestossen wurden – wie das in Bern – nun Bewegung in die Entwicklung von antiviralen Medikamenten bringen können.