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Rohstoff-Drehscheibe Zug Russisches Flüssiggas – und mittendrin die Schweiz

In Zug gehen Tochterfirmen des Unternehmens Novatek ihren Geschäften nach. So gelangt Flüssiggas – auch LNG genannt – aus Russland auch nach Europa.

Zug und Russland: Der Kanton Zug ist bekannt als unternehmerfreundlicher Standort. Rund 400 russische Firmen gehen von hier ihren Geschäften nach – etwa die beiden Betreiberfirmen der gesprengten Nord-Stream-Pipelines. Die lukrativen Gas-Geschäfte gehen aber weiter. Das Unternehmen Novatek betreibt am Bundesplatz die beiden Töchter «Novatek Gas & Power» und «Novatek Gas & Power Asia». «Novatek Gas & Power» wurde 2012 eröffnet, um europäische Kunden für Flüssiggas zu gewinnen. Erst im Dezember nahm «Novatek Gas & Power Asia» laut der Investigativplattform Desmog an einem LNG-Branchenforum in Berlin teil. Auf Anfragen von SRF antwortet Novatek nicht.

Nord Stream 2 und der Konkurs

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dunkles Gebäude.
Legende: Sitz von Nord Stream 2 in Steinhausen im Kanton Zug. SRF

Die Pipelines, beziehungsweise was von ihnen übrig ist, werden von zwei getrennten Firmen aus Zug gesteuert. Eine von ihnen, Nord Stream 2, unterliegt US-Sanktionen. Das Unternehmen ist praktisch handlungsunfähig.

Am 10. Januar 2025 ist die maximale Frist der definitiven Nachlassstundung abgelaufen. Nun ist es dem Unternehmen gelungen, den Konkurs ein weiteres Mal abzuwenden. Das Zuger Kantonsgericht hat sie «ausnahmsweise» bis 9. Mai verlängert. Es heisst ausserdem: «Sodann wurde die Nord Stream 2 AG verpflichtet, innerhalb von 60 Tagen nach Erhalt dieses Entscheids sämtliche Kleingläubiger in voller Höhe zu befriedigen und dem Kantonsgericht Zug die entsprechenden Zahlungsbelege zukommen zu lassen; wird diese Frist nicht eingehalten, wird über die Nord Stream 2 AG ohne Ansetzung einer Nachfrist der Konkurs eröffnet.»

Das Unternehmen ist zu 100 Prozent im Besitz des russischen Energieunternehmens Gazprom. Es hat aber eine Vielzahl an europäischen Klein- und Grossgläubigern, darunter die deutschen Unternehmen Uniper und Wintershall Dea. 

Das Unternehmen dahinter: Novatek ist neben Gazprom das zweite grosse russische Gasunternehmen. Es hat sich in den letzten Jahren mit Flüssiggas (Liquified Natural Gas, LNG) etabliert. 2018 und 2024 sind zwei grosse Anlagen auf der sibirischen Halbinsel Yamal in Betrieb gegangen. Von dort bringen Eis-brechende Frachtschiffe laut ARD-Informationen LNG im Wert von rund 30 Millionen Euro pro Ladung in die Welt. Chef des Unternehmens ist der Oligarch Leonid Mikhelson. Er gilt als Vertrauter Wladimir Putins. Jener eröffnete die neue Anlage in der Arktis auch persönlich.

Die Kritiker in Zug: In den Augen der grünalternativen Partei in Zug ist die Situation im Kanton unhaltbar. Kantonsrat Luzian Franzini sagt: «Zug hat eine Mitverantwortung am Ukraine-Krieg. Wir sind einer der grössten Rohstoffhandelsplätze für Putin. Mit Flüssiggas wird die Kriegskasse gefüllt.» Es gebe sehr wenig Transparenz bei diesen Unternehmen. Deshalb kämpfe man auf Bundesebene, «beispielsweise für ein Register der wirtschaftlich Berechtigten».

Die Haltung der Politik: In der Zuger Finanzdirektion stellt man sich auf den Standpunkt, die Ansiedlung russischer Firmen sei rechtens. Finanzdirektor Heinz Tännler sagt: «Wir können eine solche Firma nicht aus dem Kanton Zug hinausbugsieren. Wenn sie Gesetze einhalten, wenn sie die Verfassung einhalten, dann haben sie das Recht, hier ein Domizil zu haben.» Das sei Rechtsstaatlichkeit, Moral habe hier nichts zu suchen.

Die US-Sanktionen: Die USA haben das Unternehmen Novatek sanktioniert, was laut Wirtschaftsanwalt Alexander Lindemann bereits erhebliche Auswirkungen haben dürfte: «Jegliche Finanzierung und jegliche Zahlungen, die über eine Schweizer oder europäische Bank gehen sollen, werden blockiert aufgrund der amerikanischen Sanktionen.»

Die EU-Sanktionen: Die EU hingegen hat Novatek nicht sanktioniert. Ein Grund: Das französische Unternehmen Total Energies ist Anteilseigner der LGT-2-Anlage in Yamal. Seit 24. Juni 2024 sanktioniert die EU die entsprechenden Frachtschiffe, Investitionen in künftige russische LNG-Projekte und verbietet gewisse Einfuhren von russischem LNG. Insgesamt scheinen die Sanktionen eine gewisse Wirkung zu erzielen: Laut Medienberichten hat Novatek Schwierigkeiten, sein LNG zu verschiffen und an Kunden zu bringen.

Öl ist härter sanktioniert

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Bezüglich Erdöl geht die EU deutlich strenger gegen Russland vor. Seit Juni 2022 gilt ein Ölembargo. Erwerb, Einfuhr und Weiterleitung von Rohöl und Erdölerzeugnissen sind verboten. Ausnahmen gelten allerdings für Länder, «die aufgrund ihrer geografischen Lage in besonderem Masse von Lieferungen aus Russland abhängig sind und über keinerlei tragfähige Alternativen verfügen».

Die Aussichten: Das Geschäft mit LNG aus Russland wird vorerst weitergehen. Erst für 2027 plant die EU, unabhängig von russischem Gas zu werden. Laut dem Brüsseler Thinktank Bruegel gelangte vergangenen Monat die Rekordmenge von 2160 Millionen Kubikmeter LNG aus Russland in die EU. Belgien, Spanien und Frankreich bezogen zuletzt mehr Gas aus Russland als vor Kriegsbeginn.

10 vor 10, 8.1.2024, 21:50 Uhr

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