Eine neue Umfrage aus Deutschland zeigt: Fast vier von zehn Deutschen greifen zu Schlafmitteln – bei den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar 57 Prozent. Das berichtet das «Deutsche Ärzteblatt». Auch in der Schweiz sind Probleme mit dem Schlaf bekannt. Das Bundesamt für Statistik veröffentlichte im Oktober 2024 Zahlen, wonach ein Drittel der Bevölkerung unter Schlafstörungen leidet. Bei jungen Menschen war der Anstieg in den letzten 25 Jahren besonders markant. Schlafforscherin und Schlaftherapeutin der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, Christine Blume, ordnet ein.
SRF News: Wie problematisch ist der Griff zu Schlafmitteln bei jungen Menschen?
Christine Blume: Wenn es sich um längerfristige Schlafstörungen handelt, also chronische Schlafstörungen, ist der Griff zu Schlafmitteln nicht ganz unproblematisch, weil das nur eine symptomatische Behandlung ist.
Wie wirken sich Stress und Sorgen genau auf den Schlaf aus?
Stress und Sorgen sind quasi der grösste Feind des Schlafes. Man kann sich das leicht vorstellen: Stress bringt den Körper in einen Zustand erhöhter Erregung, erhöhter Reaktionsbereitschaft, also Flucht oder Verteidigung – evolutionär gesprochen. Das ist natürlich kein Zustand, der mit einem tiefen Entspannungszustand wie dem Schlaf kompatibel ist.
Wenn dann noch Sorgen dazukommen, liegt man am Abend im Bett und kann nicht einschlafen. Abends und in der Nacht gibt es keine Ablenkung. Man ist allein mit sich und man hat niemanden, der einen in dieser Situation unterstützen kann. Es fällt einem dann eben noch mal schwerer, von diesen Sorgen Abstand zu nehmen.
Sind da junge Menschen mehr betroffen als ältere Menschen?
Generell nehmen Schlafstörungen mit steigendem Alter zu. Bei dem berichteten Anstieg bei jungen Menschen muss man sich fragen: Woran liegt das? Dafür gibt es zwei Erklärungen. Die eine ist, dass es eine Zunahme an Belastungen gibt, die stärker junge Menschen belasten. Das haben wir gerade im Zuge der Pandemie ganz häufig gehört. Das kann sich dann auch zeigen in einer Erhöhung der Zahl an Menschen, die von Schlafstörungen betroffen sind.
Die Überzeugung, dass man auf jeden Fall acht Stunden schlafen muss, ist eine Vorstellung mit eher geringem Wahrheitsgehalt.
Was man aber auch nicht vergessen darf: Das Ganze könnte auch eine Konsequenz von einer erhöhten Offenheit sein, darüber zu sprechen. Das wäre dann eigentlich eine Reduktion der Dunkelziffer. Da half uns möglicherweise auch die Pandemie, indem wir heute offener über mentale Belastungen sprechen, die zu Insomnie führen können.
Was ist die Alternative zu Schlafmitteln?
Nach der europäischen Leitlinie ist die kognitive Verhaltenstherapie die Wahl der Behandlung von chronischer Insomnie. In dieser Therapie behandeln wir einerseits das Verhalten, damit ein guter Schlaf wieder möglich wird. Andererseits behandeln wir auch die Gedanken, die den Schlaf rauben. So ist zum Beispiel die Überzeugung, dass man auf jeden Fall acht Stunden schlafen muss, um leistungsfähig zu sein, eine Vorstellung mit eher geringem Wahrheitsgehalt.
Wenn die Erstlinientherapie nicht wirksam ist, dann kann man über den Einsatz von Medikamenten nachdenken. Das ist aber im Einzelfall abzuwägen.
Das ist eine Überzeugung, die stark unter Druck setzt und wiederum Stress verursacht. Diese beiden Punkte behandeln wir in der kognitiven Verhaltenstherapie in der Regel in acht Sitzungen.
In welchen Fällen kommt die Schlaftherapie an ihre Grenzen?
Wenn eben die vorher erwähnte Erstlinientherapie nicht ausreichend wirksam ist, dann kann man auch über den Einsatz von Medikamenten nachdenken. Das ist dann im Einzelfall abzuwägen. Einige Medikamente sind besser für eine potenzielle Langzeittherapie geeignet als andere.
Das Gespräch führte Rachel Beroggi.