Es ist die befürchtete weitere Eskalationsstufe im Nahen Osten: Rund 180 Raketen hat Iran am Abend auf Israel abgefeuert, wie es in einer Schätzung der israelischen Armee heisst. Die meisten seien von Israel und den USA abgefangen worden. In ganz Israel heulten die Sirenen – Millionen Menschen suchten während des rund eine Stunde dauernden Angriffs Zuflucht in Schutzräumen.
Die iranischen Revolutionsgarden erklärten im Staatsfernsehen, die Attacke sei eine Vergeltung für die Tötung von Hamas-Auslandschef Ismail Hanija, Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah sowie eines iranischen Generals. Die Luftstreitkräfte hätten auf wichtige militärische Ziele in Israel gezielt.
Netanjahu: «Iran wird dafür bezahlen»
Die genaue Anzahl der Opfer ist derzeit unklar. Ein Todesopfer gab es im Westjordanland, zwei Verletzte in Tel Aviv. Laut dem israelischen Armeesprecher Daniel Hagari gab es eine kleine Zahl von Einschlägen im Zentrum und im Süden Israels. In den Städten und auch seitens des Militärs wurden bis zum späten Abend keine grösseren Schäden gemeldet. «Dieser Angriff wird Konsequenzen haben», warnte Hagari. Dafür gebe es schon Pläne.
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Bild 1 von 3. Wohl auch als Reaktion auf den iranischen Raketenangriff setzt Israel seine Angriffe auf Beirut fort. Bild israelischer Artillerie im Norden Israels. (2.10.2024). Bildquelle: Keystone/AP Photo/Baz Ratner.
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Bild 2 von 3. Iran hatte Israel mit rund 180 Raketen angegriffen. Die meisten wurden laut israelischem Militär abgefangen – auch durch das Abwehrsystem Iron Dome in Aschkelon. (1.10.2024) . Bildquelle: REUTERS/Amir Cohen .
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Bild 3 von 3. Eine genaue Übersicht über Opfer und Schäden in Israel gibt es noch nicht. (1.10.2024). Bildquelle: REUTERS/Amir Cohen.
Auch der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu kündigte Vergeltung an. «Iran hat einen grossen Fehler gemacht – und er wird dafür bezahlen», sagte Netanjahu nach Angaben seines Büros. Wann ein Vergeltungsschlag auf Iran erfolgen könnte, blieb zunächst offen. Doch bereits in der Nacht zum Mittwoch griff Israel erneut die libanesische Hauptstadt Beirut an und ging weiter gegen die Hamas in Gaza vor.
Die US-Regierung bewertete den Raketenangriff auf Israel als «vereitelt und unwirksam». Die USA hatten kurz vor der Attacke vor einem «unmittelbar bevorstehenden» Raketenangriff des Irans auf Israel gewarnt.
Iran drohte wiederum Israel, falls es einen Vergeltungsschlag starte. «In diesem Fall wird unsere Antwort stärker und kräftiger ausfallen», schrieb der iranische Aussenminister Abbas Araghchi auf X. «Unsere Aktion ist abgeschlossen, es sei denn, das israelische Regime beschliesst, zu weiteren Vergeltungsmassnahmen aufzurufen.»
Sein Land habe Selbstverteidigung gemäss der UNO-Charta ausgeübt und ausschliesslich Militär- und Sicherheitseinrichtungen angegriffen, «die für den Völkermord in Gaza und in Libanon verantwortlich sind». Iran habe dies getan, «nachdem wir fast zwei Monate lang enorme Zurückhaltung geübt haben, um Raum für eine Waffenruhe in Gaza zu schaffen».
Zweiter Angriff Irans auf Israel in diesem Jahr
Schon im April hatten Irans Revolutionsgarden (IRGC) zum ersten Mal in der Geschichte der Islamischen Republik einen direkten Angriff auf Israel ausgeführt. Dabei feuerten die IRGC-Luftstreitkräfte mehr als 300 Geschosse auf ihren Erzfeind. Iran reagierte damit auf die Tötung hochrangiger Generäle, die in Syrien getötet worden waren.
Israels Militär und Geheimdienste hatten zuletzt Irans Verbündete in der Region geschwächt. Ende Juli wurde der Auslandschef der Hamas in Teheran getötet, am vergangenen Freitag Hisbollah-Chef Nasrallah. Zuvor hatten explodierende Pager Hunderte Hisbollah-Funktionäre verletzt und etliche getötet.
Am Dienstag kam ein weiterer Schritt des israelischen Militärs hinzu: Erstmals seit fast zwei Jahrzehnten drangen israelische Bodentruppen in Libanon ein.