Macht, Gier und Skrupellosigkeit – es ist ein düsteres Bild, das Sönke Iwersen von Elon Musk zeichnet. Der Journalist hat das grösste Datenleak bei Tesla minuziös aufgearbeitet.
Die Dokumente zeigen den herrischen Führungsstil von Musk und Tausende Beschwerden von wütenden Tesla-Kunden: «Leute schreiben, dass ihr Autopilot sie fast umgebracht habe, weil er auf der Autobahn voll bremste.» Weil Musk sich den Untersuchungen gegen seine Firma nicht stellen wolle, räume er bei den Behörden auf und schmeisse die Leute raus, die gegen ihn ermitteln, so Iwersen. Musk habe sich einen Präsidenten gekauft und sich an die Spitze der Behörde Doge setzen lassen, «um die Regeln zu ändern, an die er sich nicht halten will».
Steht Musk für eine neue Ära, in der die eigentliche Macht nicht mehr nur bei gewählten Politikern, sondern bei Tech-Titanen liegt?
Durch den Kauf der Plattform X habe sich Musk zum «Chief-Amplifier», zum Verstärker des globalen Autoritarismus gemacht, sagt Soziologe Nachtwey: «Musk behauptet, ein Befürworter der Meinungsfreiheit zu sein, aber in der Türkei werden Oppositionelle auf X zum Schweigen gebracht. Andererseits hat er Rechtsextreme unterstützt, indem er ihre Beiträge teilte. Mit seinen vielen Followern verschaffte er ihnen so grosse Reichweite.»
Das Mindset des Silicon Valley
Was die Tech-Milliardäre antreibe, sei der Gedanke, dass man gesellschaftliche Probleme wie Mobilität und Lebenserwartung mit Technik lösen könne, so Nachtwey weiter: «Musk betrachtet seine Marsmission als Weg zur Gesellschaftsverbesserung. Viele im Silicon Valley teilen solche Denkweisen.» So vertrete der Chefingenieur bei Google die Idee der Singularität. Diese beschreibt eine Zukunft, in der fortgeschrittene KIs die Gesellschaft autonom steuern, womit traditionelle Demokratie überflüssig würde.
Eine andere Denkschule ist der Longtermism. Danach sollen wir Entscheidungen treffen, die das langfristige Überleben der Menschheit maximieren. Prominente Anhänger sind Bezos und Musk.
Erklärt am Tesla-Autopiloten bedeutet das: «Als Menschen haben wir noch etwa eine Million Jahre auf der Erde vor uns.» Laut der Weltgesundheitsbehörde gibt es pro Jahr über eine Million Verkehrstote. «Musk sagt nun, er könne langfristig 90 Prozent dieser Todesfälle mit seinem Autopiloten verhindern. Was sind da ein paar Tausend Tote im Jetzt, wenn wir in Zukunft Millionen Leben retten?», so Iwersen.
Mit der Hilfe von Donald Trump
Das Silicon Valley wählt traditionell demokratisch. Doch wegen strengeren Regulierungen wenden sich die Tech-Unternehmer ab. «Es gab diesen Deal: Die Leute im Silicon Valley entwickeln grossartige Technologie und dafür lässt die Politik sie möglichst frei machen. Doch unter Obama und später Biden begann dieser Deal zu erodieren», sagt Peter Hossli, US-Reporter bei «Ringier».
Dann kam Trump: «Er lud die Tech-Unternehmer ein, und sie merkten: Trump will, was wir wollen – dass wir Produkte schaffen, die gut für die Welt sind.»
Journalistin Adrienne Fichter entgegnet, dass sie nicht wegen neuer Regulierungen die Nähe zu Trump suchten, sondern: «Es ist Europa mit den Digital-Gesetzen, die jetzt greifen. Er ist die schützende Hand, Biden liess Europa gewähren.»
Wie mit der Macht der Tech-Giganten umgehen? Darüber war man sich in der Runde uneinig.