Wie sicher ist die Schweiz? Die Schweizer Kriminalstatistik zeigt einen Anstieg der Delikte. So haben etwa schwere Gewalttaten, Vergewaltigungen, digitale Straftaten oder Einbrüche zugenommen. Wie ist diese Statistik zu interpretieren? Der Kriminologe Dirk Baier war zu Gast im Tagesgespräch.
SRF: Die Kriminalität steigt. Ist die Schweiz unsicherer geworden?
Dirk Baier: Die Straftaten nehmen tatsächlich zu. Es ist aber wichtig zu sagen, dass wir 2012 oder 2013 höhere Kriminalitätszahlen hatten. Dazwischen gab es eine Phase, in der die Delikte abgenommen haben, nun nehmen sie seit wenigen Jahren wieder zu. In bestimmten Bereichen müssen wir aber genauer hingucken, das sollte uns beunruhigen. Zum Beispiel der Anstieg bei den schweren Körperverletzungen um fast 17 Prozent. Diese passieren meistens zwischen jungen Menschen. Da müssen wir uns schon fragen, was da in unserer Gesellschaft passiert.
Haben Sie eine Erklärung?
Ich kann noch keine abschliessenden Erklärungen liefern. Schaut man sich die Zahlen genauer an, sieht man, dass es einen Anstieg von Taten mit Schneid- und Stichwaffen gibt. Wir sind hier also wieder bei der Frage: Warum haben Menschen Messer dabei, wenn sie im öffentlichen Raum unterwegs sind? Wenn sie mitgeführt werden und eingesetzt werden, wird aus einer einfachen leichten Körperverletzung schnell eine schwere. Genau das sehen wir: Leichte Körperverletzungen sind konstant geblieben, schwere haben zugenommen. Wir müssen noch mehr über dieses Thema reden, junge Menschen sensibilisieren, auf Messer zu verzichten.
Ich gehe nicht davon aus, dass die sexuelle Gewalt um 30 Prozent zugenommen hat, das wäre eine absurde Veränderung in einer stabilen Gesellschaft wie der Schweiz.
Einen massiven Anstieg sieht man bei den Vergewaltigungen, da kamen 30 Prozent mehr zur Anzeige.
Hier muss man zwei Dinge beachten: Erstens hatten wir im letzten Jahr eine Gesetzesänderung. Mittlerweile wird ein grösserer Teil von Taten als Vergewaltigung eingestuft. Zweitens sind Vergewaltigungen ein sehr anzeigesensibles Delikt. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass nur etwa eine von zehn Vergewaltigungen angezeigt wird. Mittlerweile gehe ich davon aus, dass sich die Opfer dank der verschiedenen Sensibilisierungen ermutigt fühlen, zur Polizei zu gehen. Man könnte also auch von einem positiven Zeichen sprechen, wenn diese Zahlen steigen, weil mehr aus dem Dunkelfeld ins Hellfeld kommt. Ich gehe also nicht davon aus, dass die sexuelle Gewalt um 30 Prozent zugenommen hat, das wäre eine absurde Veränderung in einer stabilen Gesellschaft wie der Schweiz.
Der Anteil der beschuldigten Asylsuchenden ist mit knapp 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr praktisch gleich gross geblieben. Was aber auffällt: Die grösste Gruppe stellen neu die Ukrainerinnen und Ukrainer mit 1313 Beschuldigten. Wie erklären Sie sich diese Zunahme?
Wir hatten schon von 2022 auf 2023 einen überproportionalen Anstieg bei ukrainischen Geflüchteten, jetzt wieder. Aus meiner Sicht drückt sich darin aus, dass es mit der Integration nicht gut klappt, dass die Personen wenig Arbeitsangebote erhalten, wenig Sprachangebote. Natürlich liegt Integration immer an beiden Seiten. Es braucht eine Bereitschaft vonseiten der geflüchteten Personen, sich hier einzubringen. Es braucht aber auch eine Offenheit von Arbeitgebenden, die bereit sind, Personen anzustellen, die vielleicht noch nicht so gut Deutsch sprechen.
Das Gespräch führte Simone Hulliger.